WENN DEIN JOB DICH KRANK MACHT

EPISODE 1: Leben in der Jauche

Mein Alptraum beginnt!


Die schnelle Lösung meiner Kollegen

Dass LKW-Fahrer unter Zeitdruck stehen, ist hinreichend bekannt. Jede Minute zählt. Wo und wie geht ein LKW-Fahrer zur Toilette? Er fährt auf die Raststätte, springt aus dem LKW und pinkelt stehend zwischen der geöffneten Tür und dem Fahrerhaus über den linken Vorderreifen. Das ist die schnellste Möglichkeit, sich zu erleichtern, und der Fahrer wird durch die geöffnete Fahrertür etwas vor den Blicken der vorbeifahrenden Fahrzeuge geschützt. Dann steigt er zurück in die Fahrerkabine, und die Fahrt geht weiter. So wird zeitsparend auf Raststätten Pipi gemacht.

Die Folgen: Brutaler Gestank und klebriger Asphalt

Auf Raststätten kann man dieses Verhalten hunderte Male täglich beobachten. Das hat zur Folge, dass sich an den ausgewiesenen LKW-Parkplätzen besonders in den Sommermonaten ein brutaler Uringeruch breitmacht. Wenn es wochenlang nicht regnet, was im Sommer immer mal passieren kann, bildet sich ein geradezu abartiger Gestank. Man bekommt schlichtweg keine Luft mehr zum Atmen. Es ist abscheulich. Außerdem wird der Asphalt durch den Urin klebrig. Man bleibt mit den Schuhen beim Laufen kleben.

Meine ersten Nächte im Gestank

Als ich im Fernverkehr begann, parkte ich nachts wie die meisten meiner Kollegen auf Raststätten. Ich stand also nachts auf diesen durch Urin widerlich stinkenden Parkplätzen. Ich möchte an dieser Stelle betonen, dass ich mich an dieser Pinkelei über den Vorderreifen nie selbst beteiligt habe. Es war mir immer wichtig, mich wie ein zivilisierter Mensch zu verhalten. Ich suchte mir immer ein Toilettenhäuschen, ein WC innerhalb der Raststätten oder wenigstens einen Platz im angrenzenden Feld oder Wald.


Gefangen in Hitze und beißendem Geruch

Ich parkte also nachts im Gestank meiner Kollegen. Wenn ich an heißen Sommertagen eine Raststätte befuhr, in der Nachmittagshitze bei 35 Grad meinen LKW parkte und meine Fenster öffnete, um nicht in der Hitze zu kollabieren, zog sofort dieser brutale, beißende Uringeruch in meinen LKW. Mir stockte der Atem. Ich musste würgen. Ich war nahe davor, mich zu übergeben. Ich war gefangen.

Ich wollte mich gerne im LKW ausruhen, das war durch die glühende Hitze hinter der großen Frontscheibe und wegen des unerbittlichen Gestankes aber nicht möglich. Ich fühlte mich wie ein Bahnhofspenner, der in seiner eigenen Pisse schläft. Es war ein Alptraum. Ich musste unbedingt hier raus. Ich musste meinen LKW verlassen.

Ein abendlicher Spaziergang wird zur Rutschpartie

Glücklicherweise war es möglich, in den nahegelegenen Feldern und Wiesen spazieren zu gehen, bis es dunkel wurde und ein wenig Abkühlung kam. Ich erinnere mich an einen solchen Abend auf einem Rastplatz in Holland. Ich hatte zuvor acht neue Volvo in Antwerpen geladen und war auf dem Rückweg ins Rhein-Main-Gebiet. Der Asphalt der Raststätte war glühend heiß, und der Uringestank unerträglich.

Ich war weit entfernt von den LKW-Parkplätzen am Spazieren, als es plötzlich begann zu regnen. Das musste die Rettung sein. Endlich Abkühlung, und endlich kam Hilfe von oben gegen den schrecklichen Gestank. Doch bevor es besser wurde, wurde es zuerst einmal schlimmer.

Mein Ekel wächst

Der einsetzende Regen vermischte sich mit dem seit Wochen festgetrockneten Urin zu einem glitschigen Glibber. Darauf zu laufen war fast unmöglich. Es war wie Laufen auf Glatteis. Hier Auszurutschen und in diese ekelhafte Urinschmiere zu stürzen, wäre für mich der Super-GAU gewesen. Ich bugsierte mich Schritt für Schritt im Regen zu meinem geparkten LKW und stieg ein, ohne Schaden zu nehmen.

Ich hatte es geschafft. Nur leider klebte der stinkende Glitsch an meinen Schuhsohlen und verklebte den Fußraum im LKW. Mein Ekel und mein Hass auf meine wildpinkelnden Berufskollegen wuchsen von Tag zu Tag. Mein Job ekelte mich an. Ich fühlte mich ganz unten angekommen. Ganz tief unten in der Gosse.