WENN DEIN JOB DICH KRANK MACHT

Episode 4: Höllenfahrt Nachtschicht

Mein Leben? Scheißegal so ein Scheißfahrer


Der Grund für die Nachtschicht

LKW fahren nicht nur am Tage. Auch nachts sieht man sie auf den Straßen. Manche Kunden können oder wollen nur nachts angeliefert werden, beispielsweise Autohäuser oder Autovermietungen. So wurde uns das zumindest erklärt. Ich vermute vielmehr, dass die Idee von den Spediteuren stammt. Denn wenn der LKW niemals stillsteht, sind Auslastung und Gewinn optimal.

Das System der zwei Schichten

Üblich sind zwei Schichten mit jeweils 12 Stunden: von 6.00 Uhr bis 18.00 Uhr und von 18.00 Uhr bis 6.00 Uhr. Zwei Fahrer teilen sich also einen LKW.

Mein Körper sagt Nein

Voraussetzung für Schichtdienst ist, dass man mit Wechselschicht körperlich zurechtkommt. Bei mir war das nicht der Fall. Ich komme nachts zwischen 2.00 und 4.00 Uhr an einen Punkt, wo ich mich nicht mehr wach halten kann.

Das Horrorszenario: Einschlafen am Steuer

Würde ich nun eine Tätigkeit als Nachtwächter ausüben und auf meinem Stuhl einschlafen, wäre das zwar ärgerlich, aber hätte wahrscheinlich keine dramatischen Konsequenzen.
Wenn ich aber mit meinem vollbeladenen Autotransporter mit Tempo 90 auf der Autobahn einschlafe, ins Schlingern komme und mit dem LKW umkippe, dann sieht die ganze Sache anders aus.


Die brutale Kostenrechnung

Geschätzter Totalschaden LKW: circa 200.000 Euro. Plus geschätzter Totalschaden von 8 fabrikneuen Mittelklasse-PKW: ca. 320.000 Euro. Macht zusammen eine halbe Million Euro an eigenem Materialschaden. Dazu kommen kaputte Leitplanken, ausgelaufener Dieselkraftstoff, Bergungsarbeiten, Straßenbauarbeiten, Autobahnsperrung etc.

Die menschlichen Kosten

Ach ja, was ist eigentlich mit dem Fahrer des LKW, also mir? Bin ich jetzt tot? Für den Rest meines Lebens schwerstbehindert? Oder einfach nur ein Krüppel? Was ist mit anderen Verkehrsteilnehmern, die ich mit meinem umstürzenden LKW unter mir begraben habe? Wie viele Familien habe ich mit meinem umgestürzten LKW und den umherfliegenden Autos zerstört?

Die Warnung und die Ignoranz

Mit all diesen Fragen habe ich mich damals beschäftigt, als mein Chef mich monatelang Nachtschicht fahren ließ – obwohl ich ihn gewarnt hatte, dass ich irgendwann nachts am Steuer einschlafen werde.

Mein Überlebenskampf am Steuer

Ich ging abends um 18 Uhr mit 2 Thermoskannen Kaffee an den Start. Mit Kaffee und Zigaretten konnte ich mich meist bis 2.00 Uhr nachts wach halten. Ab 2.00 Uhr habe ich „Hallo Wach“-Tabletten gekaut, die Musik aufgedreht und laut mitgesungen. Wenn das nichts mehr half, habe ich die Fenster heruntergefahren, damit es richtig kalt wurde. Als Singen nichts mehr brachte, habe ich einfach nur noch geschrien.

Die Konsequenzen: Ärger und Schuldgefühle

Oftmals konnte ich mich damals so durch die Nachtschicht retten. Manchmal half alles nichts und ich musste irgendwo parken und schlafen.
Am nächsten Morgen bekam ich dann mächtig Ärger in der Spedition. Der Fahrer der Tagschicht, der um 6.00 Uhr den LKW übernehmen wollte, wartete vergebens auf mich. Der Disponent tobte, weil ich den Terminplan durcheinandergebracht hatte.

Einsamkeit und Frust

Es war schrecklich. Ich war voller Schuldgefühle, obwohl der wahre Schuldige mein Chef war. Dieser Frust, diese Hilflosigkeit, dieser Stress wirkten sich auf mich und mein Privatleben sehr negativ aus. Bei meinem Schichtpartner war ich auch unten durch. Er konnte nachts problemlos fahren und hatte für mich kein Verständnis. Niemand hatte für mich Verständnis.